Linie

Technik

Urknall


Luzern am Schmutzigen Donnerstag um 04.50 Uhr. Zehn Minuten vor Beginn der fünften Jahreszeit, der Fasnacht!

Auf den Plätzen, in den Strassen und Gassen jede Menge Fasnächtler, Guggenmusigen, Einzelmasken, Gruppen und Familien. Die Spannung vor dem "Urknall" ist schier nicht mehr zum Aushalten.

Die Lichter gehen aus. 05.00 Uhr. Im Seebecken zischt ab einer Naue der legendäre "Pyromantiker Ruedi Pfau" und gleichzeitig detoniert mit einem "ohuere Chlapf" eine Blitzgranate über dem Luzerner See. Der Urknall!

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Der Damm ist gebrochen. Es wird getanzt und geschränzt – Ausgelassenheit ist Trumpf.

Der in gleissendes Licht getauchte Nauen landet am Schweizerhoquai. Die Fritschifamilie mit ihrem Gefolge begibt sich zum Kapellplatz.

Urknall See
Fritschi Nauen
Nach dem Urknall. Der Nauen mit der Fritschifamile

Beim Fritschibrunnen

Wie Sardinen in der Büchse warten die Fasnächtler auf den Auftritt der Fasnachtsgewaltigen von der Zunft zu Safran. Da sind sie.

Ein kurzer Augenblick um die Stimmung zu verinnerlichen und dann kommt der zweite Streich:

In drei Wellen werden über dem Kapellplatz 25 Säcke mit 200 Kilogramm Fötzeli zur Detonation gebracht. Ein Spektakel der Sonderklasse. Es rieselt eine unglaubliche Menge Papier auf die Menschenmenge nieder.

Wie der Urknall auf dem See ist auch der Fötzeliregen eine Erfindung des Safran-Zunft-Feuerwerkers und Pyromantiker Rudi Schlotterbeck.

Video von Boris Macek, Kommentar Maik Wisler, Radio Pilatus Luzern Urknall und Tagwach 2012
Urknall und Tagwach 2013
Fötzeliregen
Unbeschreiblich, man muss einmal dabei gewesen sein.

Die Story des Fötzeliregens

Erste Versuche machte Ruedi Schlotterbeck mit handelsüblichen Konfetti. Der optische Eindruck entsprach nicht der Vorstellung. Zu geballt, nicht luftig genug. Es wirkte wie Schmutz.

Die Stunde der Telefonbücher war gekommen. Zu quadratischen Fötzeli geschnitten lieferten sie das gewünschte Ergebnis.

Bis die Produktion den heutigen Standard erreichte, waren noch viele Überlegungen und Versuche nötig.

  • Die Menge pro Einheit
  • Die Sprengladung
  • Die Verpackung
  • Die Zündung
  • Die Sicherheit
  • Die Zuverlässigkeit
Da sind einige schlaflose Nächte dahinter. Schliesslich, munkelt man, ohne den Urknall würde die Fasnacht in Luzern gar nicht stattfinden.

1988 war der Fötzeliregen das erste mal an der Fasnacht im Einsatz. Damals noch auf dem Kornmarkt.
Für den Fötzeliregen braucht eine zuverlässige Vorbereitung. Ein grosser Vorrat an neuen Telefonbüchern ist an einem sicheren und geheimen Ort im Epizentrum der Luzerner Fasnacht gelagert.

Einige Wochen vor der Fasnacht macht sich der Zunft-Feuerwerker Ruedi Schlotterbeck mit einigen "schussfesten" Mitzünftlern an die Arbeit.

Nach seinem erprobten Rezept werden die Telefonbücher in kleine Quadrate geschnitten.
3,316 Millionen Fötzeli werden gepudert, damit sie nicht zusammen kleben. Sie müssen schliesslich flattern und nicht wie eine geballte Ladung auf die Fasnächtler herunter donnern.

Die 200 Kilogramm Papierschnipsel werden nun auf 25 Säcke verteilt. Im Innern der Säcke ist eine Sprengladung mit elektrischer Zündung. Wo und wie diese angeordnet ist, das ist ein kleines Geheimnis, niedergeschrieben im Pyrotechnischen Rezeptbuch zu Handen der Safran Zunft. Die Lage und Menge der Zündung ist entscheidend, wie der Fötzeliregen auf die Menge niederrieselt.


Video aus der Fötzeli-Werkstatt

Am Dienstag vor dem Schmutzigen Donnerstag werden die wasserdichten und präparierten Säcke an ein fix gespanntes Drahtseilsystem hoch über dem Kapellplatz montiert. Mindestens drei Zündkreise werden gelegt. Alles genauestens auf elektrischen Durchgang geprüft.

Am Fasnachtsmorgen zündet Ruedi Schlotterbeck zuerst um 05.00 Uhr den Urknall auf dem Nauen. Sofort nach dem Anlanden kämpft er sich durch Hintergassen an den Fasnächtlern vorbei zum Musikhaus Hug.

Hier hoch über der Menschenmenge schliesst er das Zündgerät an die Leitungen mit den Fötzelisäcken an. Handschweiss, zittrige Hände, rasender Puls, hundert Gedanken. Aber es wird klappen, es hat noch immer geklappt. Seit 1988.

Die Kontrolllampen leuchten rot, Durchgang!
Leitung eins, Zündung!
warten -
Leitung zwei Zündung!
warten –
Leitung drei Zündung!

Drei Detonationen lassen die Säcke bersten und die Fötzeli werden auseinander katapultiert.

Freude und Erleichterung beim Pyromantiker und Zunftfeuerwerker Ruedi Schlotterbeck, Jubel und Begeisterung auf dem Kapellplatz. Endloser Papierregen, einmalig schöne Luzerner Fasnacht!

Urknall danach
Fötzeli soweit das Auge reicht.

Episode 1

Dass die Welt-Atomuhr jährlich den Urknall in Luzern als Referenz nimmt, wissen nur Insider. Deshalb kann der Urknall nur von einem sehr gewissenhaften Menschen, wie es Ruedi Schlotterbeck ist, gezündet werden. Er ist sich bewusst, was es bedeuten würde, wenn das Weltzeit-System plötzlich Sekunden oder gar Minuten aus dem Takt käme.

Jahrelang gab es keine Abweichung. Der Urknall und die Weltzeit waren auf die 27. Stelle hinter dem Komma abgeglichen.

Doch diese perfekte Genauigkeit wollten zwei Pyromantiker Kollegen an ein einem Schmutzigen Donnerstag Morgen etwas fasnächtlich toleranter gestalten.

Ruedi Schlotterbeck hatte an der Fasnacht freier Zugang zum Rathaus. Auch die Pyromantiker pflegen Beziehungen. So war es möglich, dass am Vorabend zwei ganz grosse Schlingel der Pyromantiker Zugang zum Rathaus hatten. Sie schlichen sich an die Zündleitungen und zweigten diese in ein Nebenzimmer ab. Dort installierten sie ihr eigenes Zündgerät.

Am frühen Morgen des Schmutzigen Donnerstags begab sich Zunft-Feuerwerker und Pyromantiker Schlotterbeck ins Rathaus. An seinem Kommandoposten mit Puls 180, zittrigen Händen und Adrenalin pur fieberte er nichts ahnend dem Zeitpunkt 05.00 Uhr entgegen.

Aber: die beiden bösen Buben im Nebenzimmer hatten sich verrechnet. Ruedi kontrollierte noch einmal peinlich genau den Verlauf seiner Kabel und bemerkte, dass da etwas verändert wurde.

Er verfolgte seine Leitungen und entdeckte seine beiden Kameraden im Nebenzimmer. Sie hatten alles für den Eingriff in die Zündung des Fözeliregens vorbereitet. Allerdings mit ein paar Sekunden Verzögerung.

Niemand, ausser die Eingeweihten hätten etwas bemerkt.

Im Tempo des gehetzten Affen leitete Ruedi die Leitung wieder auf sein Zündgerät.

05.00 Uhr Zündung!

Die Atomuhr wurde auch diesmal wieder auf den Luzerner Urknall synchronisiert.

Der Streich war gut geplant. Tapfer und mutig vorbereitet. Und ging daneben. Zwei bleiche Pyromantiker hatten dem Ruedi arg am Nervenkostüm gezerrt.

Bei einem anschliessenden Glas Weisswein wurde die Geschichte bereinigt.

Und die Moral von der Geschicht?

Den Ruedi legt man so schnell nicht!

Episode 2

16. Februar 2012.

Zum 25. Mal wird der Urknall an der Luzerner Fasnacht gezündet. Ein Jubiläum. Nach dem Fötzeliregen geht es zum Zunftzmorge im Rathaus. Hier wird der Ruedi geehrt und gelobt. 25 Urknalle machen einen Feuerwerker auch nicht jünger. Der Stress ist nicht zu unterschätzen. Die Ehrung geht voll in Ordnung.

Dem Ruedi wird der pyrotechnische Ehren-Hut, analog einem Ehren-Doktorhut aufgepfropft. Bravo Ruedi.

In der heutigen Zeit bleibt nichts dem Auge der Obrigkeit verborgen. Kameras, Sensoren, Whistleblower und Reisläufer, überall und all gegenwärtig. So kam es, dass Ruedi mit seinem Ehren-Urknall-Hut nicht lange alleine mit seiner Zunft das Zmorge geniessen konnte.

Auch die Feuerwehr wollte dabei sein. Mit dem roten Auto, Blaulicht und Sirenen bahnten sich die löschbereiten Mannen den Weg durch das Fasnachtsgewühl bis zum Rathaus.

In der Luzerner Zeitung vom nächsten Tag war dann von einem Brandalarm beim Zunftzmorge zu lesen.

"Fehlalarm. Irgendwelches harmloses Feuerwerkszeug war offenbar schuld."

Und die Moral von der Geschicht?

Ruedi... das Einladen der Feuerwehr zur Feier ist Pflicht!